Langweilt euch!

19 Okt

“Genie ist ein Prozent Inspiration, 99 Prozent Transpiration”, sagte Glühbirnenerfinder Thomas Edison.

Aber das Prozentchen macht den Unterschied.

Als Kind wollte ich was werden. Ich lernte das abc, den Dreisatz und co, was ich für eine Bachlorarbeit in Volkswirtschaft brauche, die ich bald schreibe.

Heute will ich so viel Zeit haben wie damals, mich langweilen und ruhen, stunden-, tagelang. Denn meistens fällt Eingebung so leise und unauffällig wie eine Stecknadel. Sie zu hören im Alltagskrach, das geht gar nicht. Ob für ein neues Foto, Mittagessen oder eine kleine Zeile für die Liebste: Ideen machen den Unterschied.

Ich muss ja nicht gleich einen Nebenjob hinwerfen, ein Semster länger studieren oder kein Praktikum machen, ich muss auch nicht zurück in den Sandkasten und den ganzen Tag spielen, den ganzen Tag wundern. Ich mache es zumindest ein bisschen weniger dramatisch: Keine 148713 Mails checken, einen Spaziergang gönnen oder am besten gar nix machen. Zur Langeweile zwingen. Fünfzehn Minuten pro Tag genügen ja. Den Rest kann ich transpirieren. Dann habe ich das Edison-Prozentchen hinter mir. Dann kommen die Ideen quasi von alleine. Denn wenn ich mich langweile, muss ich mir automatisch die Frage beantworten: Wie zum Teufel wird es jetzt wieder super spannend?

Und glaubt nicht, dass das so einfach ist wie es klingt. Genies wie Steve Jobs, Edison oder Picasso  haben sich sicher nicht den ganzen Tag unter einem Apfelbaum gelangweilt, bis Obst ihre Birne einschlug wie die von Isaac Newton, bevor er die Schwerkraft in Zahlen goss. Diese Menschen waren rastlose Arbeiter, die eine Idee in einen langen Rausch katapultiert hat.

Frank Buchholz weiß das. Es ist Mai, er sitzt vor seinem frisch eröffnenten Restaurant, es ist sein zweites in Mainz. Buchholz trägt eine ausgefranste Stoffkappe, einen Kapuzenpulli und eigentlich nichts, was seine Gabe verraten könnte: Er zählt zu den besten Köchen Deutschlands. Er war innovativster Koch des Jahres, hat einen Michelinstern und 3,5 Feinschmecker.

 

Frank Buchholz by Christian Kuhlmann

Foto by Christian Kuhlmann

 

Sich in diese Spitzenregionen vorzukochen ist harte Arbeit. Um sechs aufstehen, einen Kaffee mit der Familie, ins Restaurant und um zwei Uhr nachts wieder raus. Zwischendurch durchatmen in Zigarettenlänge. Buchholz’ Tag ist durchgetaktet wie ein Siebengängemenü. 99 Prozent Transpiration. “Der Alltag frisst mich auf. Ich habe keine Zeit, mich zurückzuziehen, um kreativ zu werden”, sagt er und fügt hinzu: “Das meine ich nicht negativ, sondern positiv.”

Denn “inspirieren kann ich mich nur, wenn ich wahrnehme – nicht, wenn ich schlafe”, sagt er. Dafür trifft er sich mit Bauern aus der Region, die alles das züchten und pflanzen, was bei Buchholz auf den Tisch kommt. Oder er redet mit seinen Gästen. Das ist sein Input, sein Abstandnehmen vom Alltag. So entstehen seine Rezepte, von denen er mittlerweile hunderte hat. Wenn er sie nicht mehr braucht, etwa die Saison vorbei ist, wandern sie wieder in den Papierkorb. ”Meinen Kopf mache ich für neue Inspiration frei, indem ich den Mülleimer regelmäßig leere. Dann wächst was nach”, sagt Buchholz.

Das ist sein Prozentchen Inspiration, das er sich trotz des Stresses, trotz der Zeitnot gönnt. Buchholz ist noch in einer glücklichen Lage: Er verbringt hundert Prozent seiner Zeit nur mit seinem Thema: Genuss. Stellt euch vor, wie viele Genies gerade die Zeit opfern, beim Kellnern etwa, weil sie ihr Studium finanzieren müssen, oder im dritten Nebenjob, weil zwei nicht ausreichen. Welches kreative Potential wir hier riskieren! Keine Gesellschaft, kein Unternehmen kann sich leisten, darauf zu verzichten.

Denn darauf kommt es an. Es kann Milliarden bringen und die Welt verändern. Zählt man den Wert aller Märkte zusammen, die Steve Jobs mit seinen i-Wundern nicht nur grundverändert, sondern erfunden hat, dann kommt man sogar schnell in den Billionenbereich. Und was ist im Nachhinein schon ein Prozentchen Zeit, die wir opfern, gegen dieses Sümmchen Dollars? Von den Annehmlichkeiten, die wir jetzt geniessen, ganz zu schweigen?


 

IT-Konzerne im amerikanischen Silicon Valley wissen, wie sie ihre Genies verwöhnen müssen. Google, eines der kreativsten Unternehmen der Welt, garantiert seinen Mitarbeitern Langeweile sogar per Arbeitsvertrag. Wer unterschreibt, darf jede fünfte Minute schlafen, kickern, essen – entscheidend ist nicht was, sondern dass man es macht. Dabei sind Ideen wie Google Maps oder Google Plus entstanden.

Von diesem Inspirationseldorado können viele nur träumen. Wenn ihr jede fünfte Minute mit einem Latte auf dem Bürobalkon steht, wird euch euer Chef aber was pfeifen.

Und sowieso: nur selten sprudelt mit der Idee auch der Wohlstand, nur selten macht eine Idee die Milliarden. Der Erfinder des Döners verdient an keinem verkauften Fleischsandwich mit, weil er versäumte, es zu lizensieren. Der Erfinder des Internets verdient an keinem Byte, das um die Welt geht, weil es mit seinem Traum eines freien Weltnetzes nicht vereinbar war. Künstler, Musiker, Designer, die jeden Tag großartige Dinge erschaffen, obwohl ihr Job kaum ausreicht, den Kühlschrank zu füllen – gerade sie bewundere ich, weil sie trotz des Überlebensstresses noch das eine Prozentchen für Langeweile übrig haben.

Wer sich also heute mit mir und einem Glas O-Saft, Rotwein oder Whiskey einfach mal langweilen will: meinen Abend habe ich frei

gehalten.

Was denkst Du?


to “Langweilt euch!”

  1. Eddie 24. Oktober 2011 at 15:18 #

    Guter Rat ist teuer.

Trackbacks and Pingbacks

  1. Langweilt euch! – Leuchtstaben.de | Julia Benz - 19. Oktober 2011

    [...] Und glaubt nicht, dass das so einfach ist wie es klingt. Genies wie Steve Jobs, Edison oder Picasso haben sich sicher nicht den ganzen Tag unter einem Apfelbaum gelangweilt, bis Obst ihre Birne einschlug wie die von Isaac Newton, bevor er die Schwerkraft in Zahlen goss. Diese Menschen waren rastlose Arbeiter, die eine Idee in einen langen Rausch katapultiert hat. (…) [...]

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