Inspirationsjam mit @juliabenz

22 Dez

Kennt ihr dieses bescheuerte Klischee? Künstler setzen sich in eine Bar, lassen sich volllaufen – mit Bier und Inspiration – und zack, werden die klebrigen Kneipennächte am Tag darauf zu Kunst. Funktioniert das?

Ich habs mit der Künstlerin Julia Benz versucht: An einem Ort, der für uns nicht alltäglich ist mit Menschen, die mit uns nicht viel anfangen können. Wir haben uns im November in der Kölner Südstadt in drei Kölschkneipen betrunken, Julia hat richtig viel gezeichnet und ich in meinen Notizblock geschrieben, was mir durch den Kopf ging. Unten findet ihr das chronologisch und ungefiltert. In kursiv erzähle ich euch, dass das gar nicht so leicht war. Fotos findet ihr auf der Facebook-Fanpage.

Pitter, 21:00 Uhr.

Als Julia ihren Zeichenblock auspackt, gefriert die Stimmung. Missmutige Blicke. Aber der Pitter macht es uns auch nicht leicht: Grelles Licht, wenig Gäste. Wir sind hier Aliens. Julia sagt: Unterhalte dich mit mir, einfach irgendwas, damit es so aussieht als würde ich sie nicht zeichnen.

“Es war die schönste Nacht im Leben” BUMM BUMM BUMM. Pitter  hat Roth-Händle in der Herztasche. Daran wird er sterben. Aber er hat ja auch gelebt. Unser Thekenfreund hat einen gelben Bart und tausend Kneipennächte in der Stimme.

Aber natürlich sieht es so aus, was sollte Julia auch sonst machen? Also rede ich darüber, wie nah ich Zeichnen doch am Schreiben finde: Klare Konturen, klare Worte, kaum ein Unterschied. Und am Ende muss man ein Bild haben. Aber es hilft nichts. Wir sind in ihr Territorium eingedrungen. Keiner ist mehr natürlich, alle sind in Alarmbereitschaft. Hier ist nichts mehr zu holen, tschüss zusammen. 4 Kölsch, 4 Euro, passt.

Torburg, 21.30 Uhr. 

An der Decke hängt Lava.

Diesmal müssen wir unauffälliger vorgehen. Wir setzen uns in eine dunkle Ecke. Julia ist nicht mehr zimperlich, sie hat sich warmgezeichnet und packt sofort ihren Zeichenblock aus.

 

 

Der Nikolaus trinkt Kölsch. Er kämpft gegen die Schwerkraft. Ohne Theke würde er verlieren. Die Lampen in der Theke saugen den Rauch auf.

Die Kneipe schmeckt nach Salz & Stangen. Der Mann reibt sich jahrelange Ehe aus den Augen und kippt Kölsch hinterher. Wir sitzen unter dem Basswerfer. “Can you feel it, i can feel it” BUMM BUMM BUMM. In der Thekenmitte das 50l Reißdorffaß wie Mekka. Hier müsste man 1000 Bäume pflanzen, um die Luft zu reinigen. Ich merke das Mistbier immer noch nicht. Bin ich Alkoholiker? “Face to face, Schnüss to Schnüss!”

Wir unterhalten uns eine Weile gar nicht, sondern machen einfach. Es läuft. Nach zwei Bildern schnappt Julia mein Notizbuch. Sie will schreiben. Sie schreibt über mich:

 Jürgen. Zeichnet.

 

Er kanns nicht. Rollentausch. Macht frei. Sein Eigenes aus der anderen Perspektive sehen. Distanz zum Kreativen. Iiieh. Kreativ, was für ein scheiß Wort. It’s never to dark to be cool. Mir gegenüber eine laute Frau mit Sonnenbrille. Sie trägt ihren weißen Schal wie ein Galerist. Nein, sie trägt ihn wie das Bild von einem Galeristen.

Julia zeichnet sie:

 

Die Frau trinkt italienischen Wein mit deutscher Präzision. Gespreizte Finger an dem Stiel, in einer perfekten Hyperbel zum Mund, ihn öffnen und dann genau einen höflichen Schluck über die Lippen laufen lassen. Dann geräuschlos absetzen. When the germans do it, they do it properly.

Ihr Mann hat einen Hut dabei, natürlich. Julia versucht ihn zu zeichnen, doch die Leute stehen auf, packen zusammen, bevor sie fertig ist.

“Wären Sie doch ein paar Minuten länger geblieben, hätte ich ihren Hut fertig zeichnen können!”, wirft Julia denen zu. Raus aus dem Tarnmodus. Jetzt wird’s spannend: Wie finden es unsere Tischnachbarn, dass wir sie eine halbe Stunde bis auf die Knochen beobachtet und gemalt haben? “Ach, zeig doch mal her!”, sagt die Frau, freundlich, interessiert. “Och, das ist ja schön! Sind die sie Studenten?” “Ja”, antwortet Julia, “und sehen Sie mal, ich hab sie auch gemalt.” Julia blättert eine Seite zurück und zeigt die schnelle Strichzeichnung der beiden. “Guck mal, Schatz, das bist ja du! Das bist ja du! Jetzt sind wir Kunst? Das ist ja aufregend!” Ja, das ist es. Im  Pitter hätten sie uns fast verprügelt und hier freuen sie sich. 

Salzstangen in einem Jack Daniels No. 7 Jar. What the fuck! Denk an die Elektrolythen, Herr Lehmann! Becks, Salzstangen, Karl.

“Kannst du sie nicht einfrieren?”, fragt Julia. Alle bewegen sich, Julia muss schnell zeichnen. Manchmal bleiben nur wenige Linien Zeit, um einen Menschen zu fassen.


Buena Vista Social Club. Julia: “Die Mucke geht mir so ab Hab die mal live gesehen. Ich war in der ersten Reihe. Er hat mit mir geflirtet. Das war ne gute Zeit hier in Köln. Viel gefeiert. Viele Kerle.”

Julia hatte wenige Wochen vor unserem Inspirationsjam ihre Ausstellung eröffnet. Bei ihr zu Hause war schon ihr halbes Leben in Umzugskartons, weil sie bald nach Berlin ziehen würde. Wenig Freunde, kein Netzwerk: Nochmal neu anfangen. Die Szene nochmal neu aufwühlen. “Hier in Köln kennen sie mich mittlerweile. Aber in Berlin bin ich ein Niemand.” Mittlerweile ist sie gut dort angekommen, hatte schon ihre erste Ausstellung in der Hauptstadt – schneller, als sie sich das vorgestellt hat.

24.00 Uhr. Der Roseninder kommt zum zweiten Mal. Diesmal ignoriert er uns. Wo bleibt eigentlich das Kölsch? Schon seit zehn Minuten warten wir auf den Refill! Julia erzählt mir von ihrer Jugend. “Wir waren die letzten Assis.” Ja, geil, denke ich.

Lotta, 24.30 Uhr.

Feierabendkölsch. Genug inspiriert heute.  

Meine letzten Buchstaben für diesen Morgen. Die Lotta, direkt gegenüber der Torburg, ist voll bis unter die Decke. Irgendwer feiert hier irgendwas. “Hallo, ich bin Steffi”, stellt sich Julia Willi gegenüber am Tisch vor. 

Später sagt sie ihm: “Das sage ich jedem, den ich nicht mag. Dich mag ich. Ich bin Julia. Julia Benz. Du musst meine FB-Seite liken!” Dafür darf ihn Julia zeichnen. Ich fühle mich total ausgepumpt und lege meinen Block hin. Mir fallen keine Worte mehr ein, nur die: Zwei Bier bitte. 

Was denkst Du?


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