Timo T. Herrmann – Teardrops

10 Apr

 

Zwei ätzende Töne aus Taipei inspirierten Timo zu einer preisgekrönten Komposition über Trauer und Schmerz. Für leuchtstaben.de schält er sein Werk Note für Note. Erst hören, dann lesen.

 

“Viele

fragen mich, wie ich auf die Komposition Teardrops gekommen bin – aber die Frage ist nicht wie, sondern wann und wo.

Vor vier Jahren war ich in Taipei. Die Türen der U-Bahnen schließen dort mit einem lauten Sirenenton. Die Melodie erinnerte mich sofort an fallende Tränen - so auch der Titel der Komposition, ein trauriges Lied über die Trauer nach einem dramatischen Erlebnis. Ich habe den Rhythmus (Unterschiede im Tempo) und die Intervalle (Unterschiede in der Tonhöhe) übernommen – daraus ist das Tränen-Motiventstanden (z.B. ab 00:24).

Meine Komposition soll euch die Trauer nachempfinden lassen. Gefühle zu transportieren ist ein beliebtes Mittel der Musik – und äußerst effektiv. Es funktioniert am besten, wenn ihr euch mit der Musik identifizieren könnt, also Emotionen und Gefühle spürt, die ihr schonmal erlebt habt. Dazu habe ich die Komposition in verschiedene Teile aufgebaut:

(00:00) Ich steige mit einer monotonen Melodie ein. In ihr erklingt Schmerz und Betäubung, sie leitet über in

(00:23) das Tränen-Motiv, das aus der U-Bahn in Taipei. Es beschreibt die Trauer, die fallenden Tränen, die schließlich übergehen in

(00:40) die traurige Melodie, eine Reihe von Seufzern. 

(00:53) sind wir wieder bei den fallenden Tränen, die stärker werden, bis die Person innehält.

(1:20) spiele ich eine neue, nostalgische Melodie, die Hauptmelodie. Die Person ist verträumt und sehr leidenschaftlich. Sie ersehnt die gute, alte Zeit. Die Melodie klingt durch das Klavier sehr leicht.

(1:56) Gehen wir zurück ins Jetzt, ein Intermezzo. Es fallen erneut Tränen, rinnen verschieden schnell das Gesicht entlang.

(2:27) Die nostalgische Melodie ertönt wieder, diesmal mit voller Besetzung und über eine große tonale Bandbreite.

Bis hierhin ging es um den Wechsel zwischen Jetzt und Vergangenheit.

(3:00) kehrt Ernüchterung ein. Die Person ist wieder im Jetzt, doch dazu gibt es einen eigenartigen Unterton. Die Erinnerung der Person ist verzerrt, sie zeigt nicht die Wahrheit, sondern nur einen Teil daraus. Die vertraute, traurige Melodie vom Anfang habe ich mit einem Cello verfremdet. Das erzeugt Spannung für den nächsten Part.

(3:33) Die Gedanken überschlagen sich und damit die auch die Gefühle: Trauer und Glück wechseln sich ab, dargestellt durch Atonalität (Töne, die nicht zusammenpassen) und Klaster  - sie hört ihr dann, wenn ein Pianist einmal quer auf die Tasten haut. So entsteht Spannung, eine aggressive Stimmung.

(4:02) vergeht die Wut, die Klaster gehen in Harmonien auf.

(4:36) erklingt erneut das Tränen-Motiv. Darauf folgt die

(5:00) traurige Melodie, diesmal warm und versöhnend von einem Cello gespielt.

(5:11) wird die traurige Melodie noch einmal in voller Besetzung wiederholt. Am Ende des Liedes hat die Person mit ihrer Geschichte abgeschlossen. Sie ist zufrieden und schaut nach vorne.

(5:23) fallen die letzten Tränen. Wo sie auftreffen, schlagen sie kleine Wellen, bis die letzte Träne gefallen ist. Es bleibt eine glatte, glänzende

Fläche.”

Timo Tianhao Herrmann ist 21 Jahre alt und studiert internationales Kulturmanagment an der Cologne Business School. In seiner Freizeit komponiert er Musik – und das schon seit sechs Jahren. Mit Teardrops gewann er 2009 den Bundeswettbewerb für Komposition.

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